"Schneller in Pilsen als in München"

Interview – Internationaler Wissenstransfer

Für die Industrie nutzbar: Das will die Forschung sein, die am Technologiecampus Cham der TH  Deggendorf betrieben wird. Noch effektiver wird die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch die Kooperation mit den tschechischen Kollegen an der Westböhmischen Universität in Pilsen. Prof. Dr. Matthias Hien von der TH Deggendorf erklärt, warum das so ist und wie der internationale Wissenstransfer funktioniert.

Prof. Dr. Matthias Hien ist Direktor am Technologie Campus Cham und Professor für Additive Fertigung.

Herr Prof. Dr. Hien, wieso kooperieren Sie als bayerische Hochschule mit der Westböhmischen Universität in Pilsen und mit einigen tschechischen Unternehmen?

Prof. Dr. Matthias Hien: Ich persönlich genieße es sehr, mit den tschechischen Partnern zu arbeiten, weil besonders auch die Industrie jenseits der Grenze auf einem wahnsinnig hohen Niveau arbeitet. Vieles ist weiter entwickelt als in Bayern. Das betrifft auch die Forschung: Diese wird sehr offen betrieben. Und was die Logistik angeht: Ich bin viel schneller in Pilsen als in München, nämlich in einer Stunde mit der Bahn. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich die Zusammenarbeit gerade intensiviert.

Was genau konnten Sie dank dieser Kooperation schon erreichen?

Prof. Dr. Hien: Wir beschäftigen uns hier schwerpunktmäßig mit der sogenannten additiven Fertigung – als dem, was gemeinhin als 3-D-Druck bezeichnet wird. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Pilsen haben wir für den medizintechnischen Bereich die Herstellung von Handprothesen unterstützt. Diese zu produzieren, ist normalerweise ein komplexer technologischer Prozess. So wird das Außenbett der Prothese konventionell durch Laminieren produziert. Das haben wir geändert und es schließlich geschafft, dafür den 3D-Druck zu verwenden. Das macht die Prothese am Ende nicht nur günstiger, sondern auch flexibler anpassbar und optisch ansprechender.

Wie sind die Rollen in einer solchen Kooperation verteilt?

Prof. Dr. Hien: Wichtig ist – das haben wir noch nicht angesprochen – nicht nur wissenschaftsseitig, sondern auch bei der öffentlichen Hand einen festen Ansprechpartner zu haben. Das ist für uns das Beratungsbüro des Bezirks Oberpfalz, das diese Kooperationen unterstützt. Als wir uns sozusagen gefunden hatten, war Pilsen vor allem für die praktische Erprobung zuständig. Die Pilsener, die den passenden Studiengang Orthotics-Prostics anbieten, haben verschiedene Lösungen mit Patienten getestet, aber auch noch weitere Partner aus der Praxis ins Boot geholt, etwa Medizintechnikhändler. Wir hier in Cham beziehungsweise an der TH Deggendorf waren für die Grundlagenarbeit zuständig, haben aber auch selbst getestet.

Sie haben gerade ein neues grenzüberschreitendes Projekt begonnen, bei dem es vereinfacht gesagt um den 3-D-Druck biomechanischer Materialien geht. Was machen Sie da genau?

Prof. Dr. Hien: Gemeinsam mit dem tschechischen Unternehmen Comtes arbeiten wir wieder an einem Anwendungsfall der additiven Fertigung – diesmal forschen wir daran, biomechanischen Strukturen nachzubauen. Dabei nutzen wir die Expertise der beiden Seiten: Wir als Hochschule auf der deutschen Seite versuchen, einen Verbundwerkstoff aus Stahl und viscoelastischem Material so zu gestalten, dass wir anisotrope Strukturen mit hohen Festigkeiten erzeugen, aber gleichzeitig flexibel auf hohe Stoßkräfte reagieren. Ein Beispiel in der Biologie ist der Zahn, der sehr hart und spröde ist. Daher würde er eigentlich brechen, wenn eine Person in einen harten Gegenstand beißt. Doch die Natur hat den Zahn in eine Wurzelhaut eingebettet, die dazu dient, bei hohen Stoßkräften wie ein Stoßdämpfer den Impact abzufedern.

Unser Projektpartner Comtes auf der tschechischen Seite übernimmt die statischen sowie dynamischen Tests und fährt die notwendigen Auswertungen. Comtes hilft uns, die praktischen Fragen zu beantworten: Wie gut können wir solche Verbundmaterialien erzeugen und welche mechanischen Eigenschaften können wir erreichen?

Inwiefern kann die gesamte grenznahe Wirtschaft davon profitieren?

Prof. Dr. Hien: Wir haben im Rahmen des Projekts eigene Workshops mit eingeplant, welche die regionalen Firmen abholen und einbeziehen werden. So gibt es Veranstaltungen und Vorträge, die gezielt auf Anwendungsmöglichkeiten der Forschungsergebnisse eingehen werden. Wir stellen auch unsere Prototypen vor und zeigen, was das Verfahren in der Praxis leisten kann und wie man es nutzt.

Wie kamen Sie zu dieser neuen Kooperation?

Prof. Dr. Hien: Das hat sich im Grunde aus unserem Cluster Mechatronik heraus entwickelt. In dem daraus entstandenen Netzwerk stellt sich regelmäßig die Frage, was man als nächstes gemeinsam machen könnte. Im aktuellen Fall hat sich dann eine ganze Reihe von Partnern gefunden, die auch an dem Projekt beteiligt sind: die IHK oder auch BayernInnovativ gehören ebenso dazu wie das Beratungsbüro Oberpfalz.

Haben Sie einen Rat für Unternehmen, die offen für grenzüberschreitende Kooperationen sind und den internationalen Know-Transfer schätzen?

Prof. Dr. Hien: Kommen Sie zu unseren Projektworkshops! Wir bemühen uns sehr, mithilfe von technisch versierten Leuten wirklich die praktischen Anwendungsmöglichkeiten unserer gemeinsamen Forschung und Entwicklung aufzuzeigen und bieten unser Know-how allen unentgeltlich an. Wenn Sie gezielt Kontakte zu bestimmten Branchen oder Sparten suchen, ergibt es außerdem sicherlich Sinn, sich mit dem Beratungsbüro zu vernetzen.

 

Text: Alexandra Buba

 

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